20 Jahre Antville

Zeit rennt wie Hase

Von Marcus Hammerschmitt

Neulich habe ich mich mit meinem Sohn per Whatsapp über das Erscheinungsdatum eines meiner Bücher unterhalten. Er meinte, „Das geflügelte Rad“ stamme von 2010. Als ich ihm mitteilte, dass es acht Jahre älter sei, antwortete er: „Da fuck“. Ich stimmte zu: „Zeit rennt wie Hase.“ Unser Stil ist manchmal so. Bei ihm, weil er jung ist. Bei mir, weil ich alt bin.

„Das geflügelte Rad“ war der Nachfolger von „Instant Nirwana“.

Ich komme ja immer zu spät, das ist mir bewusst. Aber dann wollte ich auch mal ausprobieren, was der Günter Hack machte, vielleicht konnte es ja lustig und förderlich in einem sein. Mein Antville-Blog nannte ich „Instant Nirwana“, das gefällt mir auch heute noch. Zuerst nahm ich mir einen Großschriftsteller vor, der einer der Avantgardisten des ganzen aktuellen Unsinns war. Ein wenig aufgeregt, der Text vom Juni 2002. Aber sonst passte er gut. Es gab viel zu tun und vor allem zu schreiben auf Antville; die Zeiten und anstehende Karrieren erforderten es.

Wir gingen nach Stuttgart, und die wenigen Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die auftauchten, waren verwirrt. Wir trafen uns bei blogmich 05 und erfanden die Brigade Schantal Konopaschke.

Natürlich, auch die etwas sportlicheren Debatten. Ich erinnere mich an den heißen Schlagabtausch zwischen Günter Hack und einem Gschaftlhuber, der damals die Hipness mit Löffeln gefressen haben wollte. Heute orchestriert diese Gestalt von ihrem publizistischen Hochsitz aus rechte Shitstorms. Solche Leute haben mir das Zuspätkommen lieb werden lassen.

Irgendwie konnten wir uns über Tibet erregen. Die rot-grüne Koalition. All solche Sachen.

Ansonsten berichtete ich aus Edenkoben, dem pfälzischen Eldorado der literarischen Selbstverwirklichung, und von einem richtigen Klassentreffen.

Der Ameisenhaufen – ein schönes Gemisch aus éducation sentimentale und Online-Trainingslager für Berufsjugendliche.

Dann kamen die Veränderungen, wie üblich. Manche verschwanden in irgendwelchen Journalismus-Höllen. Andere schrieben Bücher. Ich hatte das schon vorher getan und machte damit weiter. Und ich beteiligte mich an verschiedenen Journalismus-Höllen. Später war ich mal wieder zu spät, bei Facebook, Twitter, Google+ und dem ganzen anderen Schrott, der viele Antville-Exilanten schon aufgesaugt hatte.

Dornröschen wird im Schlaf gern unterschätzt: Sie hat die Dauer auf ihrer Seite. Als Google+ (was war das nochmal?) vor die Hunde ging, schaute ich nach: Bei Antville war die ganze Vergangenheit vorrätig, in gutem, gesundem Schlaf. Die Plattform funktionierte wie eh und je. Das tut sie auch heute.

Den wenigen Leuten, die das 20 Jahre lang ermöglicht haben, sei hier einmal in aller Form und von Herzen gedankt. Ich stelle den Sekt kalt für den Tag, an dem Facebook zerschlagen ist, aber Antville immer noch besteht.

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