20 Jahre Antville

Unendliche Schleifen

Von Jan Kutter

Einmal hatte ich die ganze Stadt lahmgelegt. Es war im Juli 2002, ich spielte an meinem Blog-Layout herum. Ich kopierte im Skin-Editor kleine HTML-Schnipsel hin und her, deren Sinn ich kaum verstand, und nahm dabei im Trial-and-Error-Verfahren immer wieder kleine iterative Veränderungen am Code vor, bis, so war die Hoffnung, die Bloganmutung eine Gestalt annehmen würde, die mir behagte. Ich glaubte zwar nicht an den Satz, Bloggen sei Punkrock, aber ausreichend Dilettantismus brachte ich mit. Ich speicherte meinen nächsten Versuch und dann ging nichts mehr. Mein Blog war down.

Und nicht nur mein Blog: Ganz Antville stand still. Zum Glück, dachte ich, dann bin ja wohl nicht ich das Problem, dann musste es an irgendetwas anderem liegen! Aber am nächsten Tag, der Server lief wieder, Antville war wieder erreichbar, bekam ich eine Mail aus dem Helma-Hauptquartier mit der Betreffzeile «Der Kutter, endlose Schleifen». Wie mir mitgeteilt wurde, hatte ich einen Error zu viel gemacht und irgendwo in den Skins unbemerkt eine Endlosschleife in den Code gebunden, die den Server schließlich in die Knie gezwungen hatte. Und in Antville gingen die Lichter aus.

Antville. Die Ameisen-Metapher ist eigentlich sehr treffend: ein unablässiges, emsiges Gewusel kleiner Einheiten mit allerlei Gepäck. Aber viel besser hat es mir schon immer gefallen, mir Antville als Stadt vorzustellen. Nicht als Großstadt mit breiten Boulevards, Malls und Gewerbegebieten. Sondern als Kleinstadt mit vielen Nebenstraßen und Gassen, lebendigen und stillen, mit kleinen Läden und Werkstätten, wo man sich kennt und begegnet, sein Handwerk ausübt und sich austauscht.

Als der Sofa-Blogger Peter Praschl nach Antville zog, dachte ich mir: Jetzt probierst Du das halt auch. Im Dezember 2001 registrierte ich das Antville-Blog mit der laufenden Nummer 347; die weiß ich heute noch auswendig. Als Accountnamen wählte ich einen Spitznamen, den ich bis dahin in gewissen Kreisen in der Offline-Welt getragen hatte. Daraus wurde dann eine erstaunlich langlebige, bis heute ungebrochen vor sich hin tuckernde Online-Existenz: Kutter. Ein paralleles Leben.

Anfangs suchte ich nur einen Platz, wo ich ein paar Texte im Netz abstellen konnte. Einen Schuppen, ein kleines Lagerhaus. Die Kommentarfunktion unter den Texteinträgen hatte mich zunächst nicht gereizt, bis ich mich dann mit einem Mal in fröhliche Diskussionen mit den meinungsfreudigen Bewohner*innen dieses Städtchens verstrickt fand, die ich doch gar nicht kannte. Und die ich bis heute allesamt noch nie im analogen Raum einer richtigen Stadt getroffen habe.

(Apropos richtige Stadt: Ich war der erste Blogger in Hannover. Dann ging ich nach Schwerin und war der erste Blogger in Schwerin. Dann ging ich zurück nach Hannover und, naja, jetzt waren da auch noch andere, aber ich war halt immer Einzelgänger. One is a lonely number, heißt es. Aber in Antville bin ich ja die Nummer 347.)

Es war die Zeit der kleinen finnischen Clubs, wie Praschl das nannte, eine obskure Szene, in die man sich begab. Dann entwickelte sich langsam mediales Interesse an diesem seltsamen Cybertagebuch-Völkchen, dem man Ambitionen nachsagte, sich selbst ein eigener Chefredakteur sein zu wollen, dem man aber kaum eine greifbare Real-Life-Existenz zutrauen wollte. Und so ist es ja noch immer.

Irgendwann habe ich mal geschrieben: Weblogs werden nicht die Welt verändern, aber Weblogs können Dich verändern. Da habe ich vermutlich wieder mal von mir selbst auf andere geschlossen. Aber für meinen Teil stimmt's. Mein Blog war für mich lange Jahre ein überaus wichtiges Ausdrucks- und Austauschmittel — und auch ein Ausgleich zu meinen Jobs, in denen es auch immer darum gegangen war, Worte aufeinanderzustapeln, aber in einer sehr instrumentellen Weise. Ich war ein Gabelstaplerfahrer der Sprache. Ich war ein guter Gabelstaplerfahrer und ein schneller, aber kein glücklicher.

Auf Antville hingegen war ich ein fröhlich singender Badewannen-Kapitän. Ich traf nicht alle Töne, aber der Hall im Badezimmer klang so schön. Ich entwickelte und pflegte Verschrobenheiten, eigensinnige Marotten und Malaisen. Ich probierte rum, nicht nur mit dem HTML-Code, ließ hochgestochene, manierierte Schaumsprache auf ausgedörrtes, administratives Vermerkdeutsch prallen, kultivierte Albernheiten und veralberte Kultur. Etwas zu »kuttern« war damals ein feststehender und wichtiger Begriff in meinem aktiven Wortschatz. Im Kommentarbereich führte ich derweil Gespräche mit Menschen, die ich ohne Antville nie kennengelernt hätte. Und die ich, wie gesagt, bis heute nicht kennengelernt habe. Diese Gespräche schlugen Haken, ihre Verläufe waren unvorhersehbar. Blitzschach mit Pointen. Hilarious.

Mit den Jahren allerdings fiel es mir immer schwerer, noch etwas ins Blog hineinzuschreiben. Die Einträge wurden immer spärlicher und immer angestrengter. Das Spielerische schwand. Es ist so: Das Unbeschwerte fiel mir irgendwann auf Twitter leichter, was arg unfair ist, weil Antville für mich beinahe eine Familie war und Twitter eine gigantische, unpersönliche, kommerzielle, toxische Schreibzentrifuge ist.

Auf dem Kutter habe ich mal behauptet, dass ich am Bloggen vor allem das Flüchtige schätze, weil hier — allen Permalinks ins Archiv zum Trotz — nichts für die Ewigkeit gedacht ist: »Vorwärts, dem Vergessen entgegen!« Ein Blog rollt langsam nach unten weg und löst sich kontinuierlich selbst ab. Wer bloggt, will kein Lebenswerk schaffen.

Irgendwann hat sich mein ganzes Blog dann einfach selbst abgeschafft, den Betrieb eingestellt. Dabei ist es noch da, es steht am Rande der Stadt wie eine verfallene alte Fabrik, mit Bauzäunen und Flatterband abgesperrt, Eltern haften für ihre Kinder. Oder eher wie ein langsam vor sich rostender Kahn im Trockendock. (Ist Antville wohl eine Hafenstadt?) Ich wollte nicht, dass es so kommt, es kam einfach so, und irgendwann habe ich mich nicht mehr dagegen gestemmt: Endville. Das war traurig, das ist es noch heute.

Aber Antville ist immer noch da, und das ist schön. Und auch beruhigend, denn Städte sollten nicht einfach verschwinden. Die Vorstellung, jederzeit wieder in meine Heimatstadt zurückkehren zu können, ist schön. Und tröstlich. Vermutlich ist sie aber auch illusorisch, denn was ist im Netz schon von ewiger Dauer? Andererseits: Zwanzig Jahre, das sind im Netz mindestens zwei Ewigkeiten! Wievielen der Neuen Großen Dinger im Netz hat man von Antville aus schon beim Untergehen zusehen können?

Antville ist immer noch eine Kleinstadt, sie wurde nie eingemeindet von einer der riesigen, tosenden, gefräßigen, stetig in alle Richtungen wuchernden Gotham Cities der Datenausbeutungskonzerne, aber ihre Bedeutung für die Netzkultur, die Etablierung einer eigenständigen Blogkultur im deutschsprachigen Raum kann man gar nicht überschätzen. Dass hier, anders als im angloamerikanischen Raum, das Weblog als schlichtes Surf-Logbuch und Hyperlink-Repositorium eigentlich nie eine Rolle spielte, sondern von Anfang an ein Vehikel für ausdruckswillige Menschen war, um Netzpersönlichkeiten auszubilden und neue Arten des Schreibens und der Vernetzung (nein, nicht des Networkings) zu erproben, das hat nicht nur, aber sehr viel mit Antville zu tun. Und, mein Gott, wir haben hier selbst dem Siezen einen neuen Twang gegeben, dessen verschiedene Layer und Subtexte von Nicht-Antvillians kaum mehr entschlüsselt werden können!

Herzlichen Glückwunsch, Antville, zum Stadtjubiläum, alles Gute und danke für sehr, sehr Vieles! Mögen die Lichter noch lange brennen.

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