20 Jahre Antville

Und das Schreiben wurde leicht

Von gHack

Es ist möglicherweise 1979 oder 1981 und meine Eltern haben uns ein kleines schwarzes Kästchen aus Plastik mitgebracht und mit einem Kabel an den Fernseher angeschlossen, dort, wo der Antennenstecker reinkommt. Mein Vater drückt einen Schalter und auf dem Bildschirm, auf dem sonst eins der drei Fernsehprogramme zu sehen ist, bewegt sich auf dem Fernseher plötzlich ein kleiner weißer Punkt. Mit Drehreglern, die über dünne Kabel an dem Kästchen befestigt sind, können wir links und rechts weiße Balken auf und ab bewegen und damit die Flugbahn des Punkts beeinflussen. "Tennis", sagte mein Vater. Ich drehe an meinem Kästchen, und der weiße Balken auf dem Fernsehen tut das, was ich will. Ohne Verzögerung. Sofort.

Der "Pong"-Klon hat möglicherweise in mir etwas verändert. Einen Avatar von sich selbst an dem Ort zu sehen, an dem die Tagesschau stattfindet oder die Biene Maya, und sei dieser Avatar noch so primitiv, das ließ wohl eine Ahnung von Macht verspüren, auch wenn ich damals nicht verstanden haben mochte, was Macht bedeutet. Ich wusste nur, ich kann plötzlich an diesem Ort etwas machen. Ein Theatermensch würde sagen, ich habe die vierte Wand durchbrochen.

Als Tobi Schäfer mich neulich gefragt hat, ob ich zum 20. Geburtstag von Antville.org irgendwas machen oder schreiben möchte, habe ich mich an diesen ersten Kontakt mit einem interaktiven elektronischen Medium erinnert. Antville ist auch so etwas wie Pong, nur für Texte. Es erfüllt auf seine Art die Vorstellung, die Tim Berners-Lee vor Augen hatte, als er das World Wide Web konzipierte: Jeder sollte dort schreiben können, und zwar ohne großen Aufwand. Ohne Verzögerung. Sofort.

Einen Text so zu veröffentlichen, dass eine potentiell sehr große Anzahl von Menschen ihn lesen kann, noch dazu ohne Verzögerung, sofort, war sehr lange Zeit eine eher kostspielige Angelegenheit, ein Job, den nur Medienkonzerne bewältigen konnten. Große Organisationen also, meistens streng hierarchisch organisiert, in der viele Mitarbeiter über die Qualität des Produkts wachten. Als gelernter Schriftsetzer und später Journalist und Schriftsteller war ich einer von ihnen. Mit dem World Wide Web, mit Antville und später Facebook war meine Funktion vielleicht nicht überflüssig, aber doch redundant geworden, der Apparat hatte schon mit dem Desktop Publishing begonnen, sich selbst auf Kleinformat zusammenzufalten, ich ahnte es schon, als ich auf Antville zu schreiben begann. Jeder konnte nun selbst über die Macht des formatierten Wortes verfügen, schwarz auf weiß Zeugnis ablegen, oder lügen wie gedruckt. Zu meiner Zeit, in den 1990ern, war der Aufwand dafür trotz fortgeschrittener Digitalisierung der Arbeitsabläufe noch groß, viele Menschen und Maschinen wachten über den Text, das allein gab ihm eine Autorität, von dem er noch heute zehrt, mehr noch als Radio oder Fernsehen.

Diese Last konnte man als Schriftsteller oder Journalist oder Wissenschaftler oder Student auf Antville abwerfen, das Schreiben wurde leicht. Einige Jahre lang war das sehr schön. Umgekehrt konnte man auch als Nichtschriftsteller und Nichtjournalist sehr einfach Texte und Bilder ins Internet stellen und immer gleich wissen, wann ein Freund oder eine Freundin dasselbe getan hatte. Und die ganzen Textbildprofis vermischten sich mit den Leuten, die das jetzt auch machen konnten, nicht unbedingt schlechter, aber anders. Wer wollte, konnte lernen. Die Startseite von Antville machte süchtig, weil sie zeigte, wann jemand etwas geschrieben oder kommentiert hatte, den Dopamintrick und das Contact High konnte man auf Antville schon früher auf der Großhirnrinde spüren als bei Facebook (2004) oder Twitter (2006).

Während der Text an Autorität zu verlieren scheint, investieren die verbliebenen Profis verstärkt ins Rendering, sie generieren Grafiken mit Programmen aus Daten. So entstehen interaktive Infografiken und 3-D-Animationen, die so schnell kein Laie nachbauen kann, weil dazu ein Minimum an jenen technischen Fertigkeiten erforderlich ist, die auch zum Betrieb eines Systems wie Antville notwendig sind, das seinerseits ein Rendering produziert, einen Social Graph nämlich, der ein informelles Netz aus sozialen Beziehungen dokumentiert. Antville trägt auch diese Entwicklung von Beginn an in sich, aber sie lässt den im Text geborenen Graphen in Ruhe wachsen. Facebook eine Plantage, Antville eine Streuobstwiese.

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